Loch
Carlo Backhausen
 
 

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Der kleine Schwan

Vor 7 Jahren wurde er in Dänemark bei Skaerbaek geboren. Er wurde von seinem Eigner mit wechselnder Crew zunächst über Norwegen, England, Frankreich und Portugal ins Mittelmeer gesegelt, wo er sich in sechs Jahren in dessen westlichem Teil bewährte. Er hat viel gesehen: Neben dem italienischen Festland noch fast des- sen gesamte Inselwelt, Sicilia, Elba, Sardegna und Corse mit den Bocche di Bonifacio, die Balearen und am Ende wieder Gibraltar. Im letzten Jahr hat er sich am Rande des Atlantic getummelt, auf den Sprungbrettern nach Amerika: in den Kanaren, Madeira, Azoren, überall dort, wo es einen Hafen mit Flugplatz gibt. Dann zog es ihn zurück nach Spanien und er machte in Vigo fest.

Für seine vorläufig letzte Reise zu seiner Geburtsstätte suchte sein Eigner Crew. So kam es zu einem "blind date" zwischen ihm und mir. Wir wussten voneinander wie wir ticken, nicht wie wir riechen. Wir rauchen beide nicht und wir trinken beide so gut wie keinen Alkohol, gute Voraussetzungen für ein Leben auf engem Raum.

"Nur die Wasserpumpe muss ich noch austauschen", sagte er zu mir am Abend zuvor am Telefon, ehe ich mich am anderen Morgen in Fuhlsbüttel in den Flieger setzte. Als ich in Vigo an kam, war er am Ende seiner Kräfte – und die neue Pum- pe lag noch uneingebaut vor uns. Eine Abziehvorrichtung für die alte hätte uns ge- rettet, doch die war weit. Wir schlossen die Kühlwasser-Schläuche an die Decks- pumpe an und leiteten – mit zwei ausgeschalteten Hirnen – Meerwasser in den Motor, kurz darauf zündete ich ihn – zu spät; er zuckte nur einmal.

Der Hafen-Chef ist auch Chef der Marina, und die ist assoziiert mit dem alten ehr- würdigen (das Bild von Juan Carlos an der Wand) Club Nautico de Vigo. Er ist ein dynamischer und Vertrauen einflößender junger Ingenieur. Zwei Tage sagte er, werden seine Leute für die Reparatur benötigen. Wir glaubten ihm und gestanden ihm im Stillen das Doppelte zu. Weder beim Aus- noch beim Einbau des Diesel-Mo- tors floss Flüssigkeit ins Schiff. Der Volvo saß an seinem alten Platz und schnurrte wie in seinen besten Tagen. Neunhundert Euro kosteten Reinigung und Inspektion, darunter 27 Arbeitsstunden.

15 Weltmeister, von der Jolle bis zum Eintonner, hat der Club in seinen Reihen. Wer die täglichen Trainingseinheiten der Jugendlichen auf dem Meer sieht, glaubt das gern. Wir sprachen mit ein Paar Mädchen, die sich für die Reise "nach Dummer" fertig mach- ten (mit Bus und Trailer zum Dümmer See bei Osnabrück).

Die Federungen der beiden Klapp-Fahrräder reparierte ich mit Ersatzteilen aus einem Haushaltswaren-Geschäft; Einkäufe sind nun fixer und der Fahrtwind kühlt in der Hitze. Zwei neu gewonnene Freunde, die Franzosen Michel und Christine Simonet vom Schiff nebenan laden zum Abschiedsessen ins Restaurant im Fischereihafen. Wir sprechen Englisch; ich erzähle, dass ich einen Freund habe, der so aussieht, so verschmitzt lacht und so spricht wie er, und davon, wie wir uns kennen lernten am Strand von Pampe- lonne und zusammen in Tahiti waren; ein Bretone vom Schlag des Gauvin , dem die Französin Benoite Groult in "Les vaissez du coer" (Salz auf unserer Haut) ein Denk- mal setzte. Am Ende meiner Schilderungen nannte ich seinen Namen: Marc Roche. "Er war Hobie-Händler und mein Nachbar in Piriac und ist vor zwei Jahren gestorben", antwortete Michel (kein Wunder, dass Marc sich am Telefon nicht mehr melden konnte).

Am Abend des vierten Tages von Vigo machten wir die Leinen los. Gegen den Willen des Admirals bruzzelte ich Melanzane (Dosennahrung ist ein Fett-verspritzter Herd vorzuziehen, Vitamine bekommen wir beim nächsten Landgang – kein Wunder, dass weder Admiralin noch Konkubine an Bord sein wollen), Melone mit Schinken, Obstsa- lat, Cookies, glattes Meer, 316 Grad-Kurs, Schlaf. Aufwachen um 2 Uhr vom Anker- Geräusch, 10-Meter Wassertiefe, eine Meile im Lee des Festlandes. Wind 4, kaum Schwell, Schlaf.

Morgens weiter hoch am Wind, abends rund ums Cap Finisterre ("Ende der Erde" zu Zeiten von Christofforo Colombo) motort. Der Hafen Muxia vergibt keinen Diesel an Yachten. Nach etwa 3 Seemeilen machen wir in Canarinas fest, ein Städtchen im Auf- schwung. Letzter Einkauf: Tanken, Obst, Gemüse, Schinken, Käse, alles billiger als bei uns – und freundlicher (die Kassiererin lässt die Schlange warten und geht mit dem ungewogenen Obst durch den Laden zurück zur Waage). Auf nach Frankreich in die Nacht hinein.

Die berühmt-berüchtigte Biscaya: Gräue und ein wenig Schwell aus Richtung Belize wechseln sich mit blauem Himmel ab. Am ersten August um 9 Uhr wache ich auf und gehe ins Bad. Hitze schlägt mir entgegen: Die Heizung ist an. Drei Tage Kurs 31 Grad unter Motor – aber nun bin ich ein Blauwasser-Segler.

Es gilt, sich Einiges zu vergegenwärtigen: In meiner (Vorschiff-) Kabine ist immer Nacht, das Beiboot wird nie gebraucht, ist aber partout aufgeblasen und versperrt sowohl den Blick zum Himmel als auch den Notausstieg. Am Heck des Schiffes herrscht Sog: das Schiff ist überladen. Mit einer Menge Zeugs, von dem sich ein Admiral wahrscheinlich nie trennt. Bei Lage in Luv lieber kein Schapp aufmachen, weil Überquellendes mir entgegen fliegt. Zwischen die Teller und die Tassen sind Weichteile zu legen; keine Liberalität gegen verstreute Zuckerkörner; Toilette hat Papier-Unverträglichkeit; für 4 Fender ist Platz – 8 sind an Bord.

Der Hafen von Brest liegt weit drinnen, aber ein Besuch lohnt. Die Einfahrt in den Natur-Hafen ist umsäumt von Wehranlagen und Schießscharten. Wir wählen den zweiten Sportboothafen zum Festmachen, denn dort sollte seit einer Woche ein Päckchen für uns liegen, von Hansenautic/Hamburg, Inhalt Seekarten auf Chips für die Weiterfahrt. Nix ist da. Telefonate quer durch Europa. Obwohl die Adresse der Hafenmeisterei korrekt war, hatte man wegen des fehlenden c/o die Annahme verweigert (kleine Weglassung – große Wirkung). Wir wollten die in 2 Tagen avi- sierte erneute Lieferung nicht abwarten und bestellten ein Taxi zur UPS-Station. Das Ausliefer-Fahrzeug stoppte und wartete für uns bei IKEA: Her mit den Chips! 46 Euro war dem Admiral die Autofahrt mit dem Audi4Q wert; ein 50-Euro-Schein rang dem Unternehmer Thierry Kerebel ein glückliches Lächeln ab.

Auf zu der Kanal-Insel Guernsey (wo manche reichen Leute ihre Kohle vor dem Fiskus versteckt halten). Doch das Wetter und Strom stehen gegen uns, auch die Reling hängt dauernd im Wasser. Ich hatte ohnehin das Gefühl, im Vorschiff mit den Füßen gegen die Backbord-Wand abgestützt bei 7-8 Beaufort Wind, gereff- tem Groß und 30-Grad-Krängung im Stehen (stehend) zu schlafen. Das sind die Momente, in denen ich mich fragte: Was mache ich hier überhaupt? Aber das Et- mal war gut: 157 Meilen.

Tanken und Bummeln in Cherbourg. Calais: Ein Tauchgang des Admirals mit Flossen im Hafenwasser, dem Fäkalien-Abfluss einen Druckwasserstoß geben (läuft wieder), eine Du- sche im Clubhaus, Einkaufsbummel und Kauf von Souvernirs beim(!) Abendessen. Leinen los und in die Nacht hinein gesegelt.

Bei Cap Griz Nez Kompass-Kurs 43 Grad, Belgien rechts liegen lassen. Mit 7,3 Knoten Fahrt, dank Strom mit uns und Dank Volvo-Diesel MD 2040D an IJmuiden 19 Uhr, Hafenmeisterei macht um 20 Uhr dicht. Ein Hotspot, aber kein Internet. Der Admiral verweigert seinen Ein-und- Alles-Laptop, wegen der Viren, die von Porno-Seiten ausgesendet werden. Ich bin zornig auf den Kerl, der schon nach zwei Oktoberfest-Maßn aus- tickt und besoffen ins Bett fällt, statt einen Espresso zu trinken, so wie ich; dafür hat er sich einen Tag ausgeschwiegen zu werden verdient.

Einer der "Eastern-English-Channel-Chips funktionierte nicht (er brach- te den Karten-Plotter durcheinander und zum Absturz), aber das iPHONE war auf diesem Streckenabschnitt ein fast vollwertiger Ersatz.

Tanken in IJmuiden, 9 Uhr ab, S-O-Wind 5-7 Beaufort angesagt und ein- getroffen; Ankunft an der Elbe 9 Uhr, Etmal 174 Meilen raumschots, Fahrt immer am Tonnen-Strich entlang; besondere Vorkommnisse: Gegen den Willen von GRÜN versenkt der Admiral leere Flaschen im Meer; Fahrwas- sertonne grüßt 5 Meter neben uns durch ein Steuerbord-Luk (Radar-War- nung war in dem Moment wohl abgestellt); den ganzen Tag – nichts Segeln- des überholt, nichts kommt entgegen – wir sind einziges Segelboot auf dem Wasser; von Astronauten-Nahrung aus Büchsen, Dosen, Gläsern und Plas- tik-Beuteln gelebt; im Bootsmannsstuhl im Mast hängend (die Flaggenleine auf die Rolle gelegt) muss ich hören, dass ich "auch zu Etwas zu gebrau- chen" sei; mein Exodus naht: der Admiral misst mehrfach meinen Puls und stellt jedes Mal die Nähe zum Herzinfarkt fest: 80 zu 160 – und Wohl- befinden ist kein (!) Indiz für Gesundheit; in der Elbe umkreist uns ein Polizei-Boot, seine Brackwasser-Welle dringt bis ins Vorschiff, macht Bett und Anderes nass: Hallo Deutschland ! Elf (elf) Tage von Vigo nach Bruns- büttel, um so empfangen zu werden.

Warteschleifen - nach wenigen Minuten springt die rote Ampel auf GRÜN um: Einfahrt in den Nord-Ostsee-Kanal, wo außer einem Gefahrgut-Frach- ter nicht viel los war. In der Dämmerung gegen den Willen des Admirals (der zwischen zwei Pollern im Kanal festmachen wollte, weil das alte Go- ogle-Foto des Liesenau-Spots eine Baustelle zeigt) in die Einfahrt zur Ei- der rein. Einen Proper-Liegeplatz-Muffel (röchelnder Achtziger mit Frau und Schwester) um ein paar Meter vertrieben, fest gemacht, Kekse gegen ein Foto von Anke Moenters Yacht getauscht, so ruhig wie nie geschlafen, in der Dämmerung raus. Einmal Schleswig-Holstein in Nord und Süd zer- teilt; in Kiel-Holtenau steige ich aus, es schauert. Der Admiral will sich über die sechzigpaar Meilen allein nach Skaerbaek verholen. Es werden zwei Tage daraus, wie er mir heute schrieb:

"Hi Carlo,

ich nehme Dich immer als Chronisten mit! Ich bin leider viel zu faul, solche Berich- te zu schreiben. Aber Dein Stil ist gut. Kannst an die Yacht verkaufen! Das Ende ab Kiel wäre auch spannend, Radarfahrt mit fast Null Sicht, Regenunterdrückung auf dem Radar, am Tonnenstrich entlang und von Frachtern überholt, bis die Sicht besser wurde. Dann gegen an oder sehr hoch am Wind (zeitweise kleine Fock). Sturmwarnung 70 km, aber was ist das schon auf der Ostsee mit dem Boot? Kinderkram. Welle 1,5 m, 30 Grad Lage unter dem blanken Mast, aber nichts Aufregendes. Überall Tonnen, Inseln, ... Radaralarm ist pausenlos an, also nicht zu gebrauchen. Pausen kaum zu erzielen. 19 Uhr erschöpft nach Mommark. Nach all den immer freundlichen Helfern beim Anlegen im Süden zeigt sich in Mommark niemand. Erst mal Bug am Pfahl festgemacht, Leinen klariert, Fender raus, dann Einhand, Anleger an Leeschlegel. Keine Menschenseele. Erst viel später schaut der Nachbar, eher schüchtern, mal hoch. Drei Wochen Urlaub, nur solches Wetter, Regen Sturm, Kälte. Meine Heizung surrte schon den gan- zen Tag - keine Kälte, keine Feuchte! Abendessen und ohnmachtähnliches Schlafen. Mittwoch weiter, Skaerbaek nur einen Katzensprung. Aber wieder 5-7 auf die Nase, also Motor. Gegenstrom im Belt. Wenig Fahrt über Grund. 17 Uhr Ankunft. Der "kleine Schwan" ist zurück in seinem Nest. Thomas von Faurby erwartet mich sehr freundlich, organisiert meine Bahnverbindung. 21 Uhr Nachtzug heim. Gerade noch geschafft. Aber bei dem Ruckeln und Pol- tern kaum Schlaf, wie schön war es immer an Bord, auch unter Radar-Nach- twache bei 7 Beaufort hoch am Wind. Es war nicht mein letzter Törn! Was noch fehlt zum Kat. Ja, denke schon, dass es meiner Frau besser gefällt. Man sieht nur an der Ostsee extrem wenige. Aber ich bin immer noch offen! Vielleicht werde ich wirklich mal mit einem Gebrauchten probieren, dann ist ggf. nicht soviel Geld kaputt. Hatte Erwin (Saliara) angeschrieben, was sei- ner macht. Der meldet sich aber nicht mehr. Hoffe, er lebt noch, der müsste 72 jetzt überschritten haben und war aber bis vor 5 – 10 Jahren noch extrem aktiv! Noch mal zum Kat: Du willst ja bloß wieder mitsegeln!!! Naja, wenn man miteinander auskommt, warum nicht! War sicher für mich auch leichter als allein, aber allein mach ich das auch jederzeit. Zu zweit wäre aus der letzten Etappe nur 1 Tag geworden. Gruß Manfred"

Anmerkungen zum Schiff, in Anlehnung an Nautors Swan von mir "Der kleine Schwan" genannt. Es ist 42 Fuß lang und hat ein hohes Geschwindigkeitspotential. Sein Eigner duldet andere Schiffe nur so lange vor sich, bis er dessen Skipper in die Augen sehen kann, dann segelt er vorbei. Diese Yacht ist, für das was sie mit sich rum schleppt, zwei Meter zu kurz. Das Einhand-Segelboot MONSUN, das nach seiner Werft-Überholung in Skaerbaek möglicherweise zum Verkauf steht, birgt Technik mit höchstem Anspruch an Sicherheit und Comfort: Windgerne- rator, Warmluft-Heizung, Autopilot, Echolot, Logge, Tridata, Batterie- Wächter, Radio, CD-Player, Schalttafel mit Sicherungen, Seefunk UKW, Kurzwelle, Handheld-Wetterfax, Wetter-Fernschreiber, Navtex, Weltem- pfänger,Radar, 12/220-Volt-Zerhacker, Kartenplotter, Marpa, EPIRB, Ba- rograph, Autopilot, Funk-Fernsteuerung, POB-Sender Lifetag, Barometer, Chronometer, Insektenkiller, Pfefferspray, 3 Feuerlöscher, Klein- und Groß- tauchgerät, Kühlbox, Satelliten-Telefon, Laptop, iPAD, Notebook, Mobil- Telefon, Wasser- und Diesel-Tank, Beiboot, 2,5-PS-Außenborder, Rettungs- insel, kardanischer Herd mit Backofen, Geschirr und Küchengerät eines 6-Personen-Haushalts. Neben dem EPIRB (emergency positio- ning indicating radio beacon), einem PLB (personal locate beacon), einem Steiner-Admiral-Fernglas und einem einäugigen Restlicht-Ver- stärker, unter den Sitzbänken Watermaker und Batterien, bei mir im Bett (und bis er mich störte) der original-Pappkarton-verpackte Fort- ress-Alu-Anker, demontiert 130x22x12 cm, am Bug der 25-Kilo-Bruce, an der Heck-Reling der zweite, etwas kleinere Fortress.